Aktuelles Programm

Symposium: Geschlecht, Sexualität und kulturelles Gedächtnis

8.-10. Juni 2022 Folkwang Universität der Künste

Das internationale und interdisziplinäre Symposium wird danach fragen, wie historisch bedingte und veränderbare Kategorisierungen von Geschlecht, Sexualität und Begehren mit Praxen des Sammelns, Archivierens und Zeigens einerseits, und andererseits mit den Politiken queerer Bewegungen und den Ausdrucksformen queerer Kunst zusammenhängen. Im Zentrum des Symposiums stehen künstlerische, theoretische und kuratorische Perspektiven auf den Zusammenhang von Geschlecht, Sexualität und kulturellem Gedächtnis.

Heike Bauer (Birkbeck College, London): The Hirschfeld Archives

Ausgehend von Magnus Hirschfelds Theorie der sexuellen Zwischenstufen baut dieser Beitrag auf dessen veröffentlichte und unveröffentlichte Schriften, Bücher, Artikel, Tagebücher, Fotos, Filme und andere visuelle Quellen auf. Die Referentin fragt danach, wie Gewalt, insbesondere Verfolgung, Tod und Suizid, die Entwicklung der Homosexuellenbewegung und des politischen Aktivismus beeinflusst hat. So wird deutlich, dass Politiken, die für homosexuelle Rechte eintraten, von Beginn an von Rassismus, kolonialer Brutalität und geschlechtsbezogener Gewalt bedrängt wurden. Heike Bauer ist Professorin für Literatur und Kulturgeschichte am Birkbeck College London. Sie ist Autorin des Buchs The Hirschfeld Archives: Violence, Death, and Modern Queer Culture (2017).

Dagmar Brunow (Linnéuniversität, Växjö, Schweden): Gegen das Vergessen: Archivierung und Zugangsgestaltung als Intervention in das queere audiovisuelle Gedächtnis

Dieser Beitrag untersucht den Zusammenhang zwischen Erinnerung und Vergessen in queeren Archiven. Am Beispiel nachhaltiger Archivierungsprojekte diskutiert er die Auswirkungen der Materialität (z.B. Papier, Videobänder und digitale Daten) und fragt, was bei der medialen Transformation verloren geht. Der Vortrag aus dem Bereich der Kulturgedächtnisforschung skizziert die Herausforderungen und Möglichkeiten der heutigen Archivierungspraxis. Queere Archivbestände sollten vorzugsweise in verschiedenen Medienumgebungen wieder in Umlauf gebracht werden, um sich in unser ständig veränderndes, dynamisches kulturelles Gedächtnis einzuspeisen. So bieten sie Möglichkeiten zur Konstruktion von Kulturerbe und Erinnerung. Dagmar Brunow ist Associate Professor für Filmwissenschaften an der Linnéuniversität in Växjö, Schweden. Forschungsschwerpunkte: Dokumentar- und Essayfilm, kulturelles Gedächtnis, Zugangsgestaltung zu Filmarchiven, alternative Videopraxis sowie feministische und queere Filmkultur.

Eva Busch und Julia Nitschke (Atelier Automatique Bochum): Emanzenexpress: Gemeinsam sind wir gemeiner

Die künstlerische Arbeit Emanzenexpress (2019) setzte sich mit der Geschichte feministischer Kämpfe der 1980er und 90er Jahre in Bochum auseinander. Der Titel stammt von einer Zeitschrift, die einst das Autonome FrauenLesbenreferat der Ruhr-Universität herausgab. Der Brückenschlag über verschiedene Generationen hinweg ist entscheidendes Element des Projekts. Vieles, was frühere Generationen erstreiten wollten, verhandelt oder erkämpft haben, ist heute kaum mehr öffentlich abrufbar oder unsichtbare Selbstverständlichkeit geworden. Wichtige Dokumente befinden sich heute in den drei Bochumer Frauenarchiven (dem ausZeiten FRAUENARCHIV, der studentischen Frauen*bibliothek LIESELLE und dem MADONNA-Archiv und Dokumentationszentrum für Sexarbeit). Emanzenexpress machte das Material in einer Rauminstallation und in Veranstaltungen zugänglich, so dass ein intergenerationaler feministischer Begegnungsraum entstehen konnte. In Bochum betreiben Eva Busch und Julia Nitschke mit anderen das atelier automatique, einen Raum für die lokale Kunstszene. Eva Busch studierte Anthropologie und Kunstwissenschaft und arbeitet zwischen Wissenschaft, Vermittlung, Kunst, und Aktivismus. Julia Nitschke studierte Soziale Arbeit und Szenische Forschung. In ihrer Arbeit als Performance-Künstlerin interessiert sie sich für politisch-performative Denk-Formate für alle*.

Giegold und Weiß (Berlin):Genitals on Trial – Live-.Event und Künstler*innengespräch

Mit dem Live Event Genitals on Trial reagiert das Künstlerduo Giegold & Weiß auf Gerichtsurteile in England und Schottland, bei denen von Transgeschlechtlichen erwartet wird, sich zu ihrer Geschlechtsidentität bzw. dem Aussehen ihrer Genitalien bei einem Rendezvous zu äußern. Besucher*innen haben die Chance, Teil der Arbeit zu werden, indem sie in einer Audiokabine eine Beschreibung ihrer Genitalien einsprechen. Eine Gerichtszeichnerin hört per Kopfhörer mit und setzt live die Worte in Skizzen um. Parallel wird stichpunkthaft protokolliert.
Beides – Zeichnung und Protokoll – können als Projektionen verfolgt werden.  Bei dem etwas anderen Public Viewing sehen Betrachtende unmittelbar, wie die Beschreibungen in verschiedene Medien übersetzt werden. Genitals on Trial diskutiert eine erzwungene Debatte über und Auseinandersetzung mit Intimsphäre. Giegold und Weiss interessiert die Zeichnung als eigene Sprache, die Übersetzung als Fehlerquelle, das Entstehen von Neuem durch „Fehler“, die Sprachlosigkeit die zu Bildlosigkeit führt, das Schaffen von Bild-/Wort-Archiven. Giegold & Weissforschen seit 2011 als Duo mit Mitteln multimedialer Installationskunst.

http://www.giegold-weiss.de

Jasco Viefhues (Berlin): Apocalypse Yesterday

In seiner künstlerischen Praxis bezieht Jasco Viefhues sich immer wieder auf nicht-hegemoniale Archive. Sein Film Rettet das Feuer über den Fotografen Jürgen Baldiga basiert auf dessen Nachlass im Archiv des schwulen Museum. Für sein Theaterstück complex of tensions hat er Oral- History-Interviews mit queeren Männern* of Color geführt, und aktuell setzt er sich mit dem Nachlass der lesbischen Fotografin Petra Gall auseinander. In dem Beitrag wird die Frage nach dem Zusammenhang von Archiv und Kunst in seinen Arbeiten im Zentrum stehen. Jasco Viefhues ist im Bereich neue Medien, Design, Film und Theater tätig. Er ist Absolvent der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) Berlin im Fach Regie.

Katharina Voss (TINT Filmkollektiv, Berlin) und Janin Afken (Humboldt Universität zu Berlin): Subjekträume – Filmprojektion und Diskussion

Von 1981 bis 1996 war das lesbisch geführte Westberliner „Pelze Multimedia“ ein Schauplatz experimenteller Kunst, Musik, Sexpartys und Barbetrieb. Im Film Subjekträume (2020) verweben sich Interviews mit drei der Betreiberinnen mit privaten Archivbeständen. Der Film untersucht ein subkulturelles Gedächtnis, die Frage nach einem feministischen Erbe und eine ästhetische Praxis, die weiten Teilen der damaligen Frauenbewegung absolut konträr gegenüberstand. Janin Afkenist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungsstelle Kulturgeschichte der Sexualität an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ihre Dissertation zu lesbischen* Eigenzeiten in der Literatur von Frauen in den 1970er und frühen 1980er Jahren in BRD und DDR verfasste sie im Rahmen des HERA-Projekts Cruising the 1970s: Unearthing Pre-HIV/AIDS Queer Sexual Cultures (2016-2019). Kat Voss macht Filmschnitt, Postproduktion, Untertitel, Dokukamera, gibt Seminare zu Filmmontage und Untertitelung und koordiniert die Kopienprüfung bei der Berlinale.

Jenny Fawson: Queer Fonts: Müssen Schriften lesbar sein?

Queer-Theorie eröffnet Möglichkeitsräume jenseits des gegenwärtig bestehenden Rahmens und ermutigt uns, Selbstverständliches zu hinterfragen, statt es zu reproduzieren. So wie die Queer-Theorie die Hegemonie der binären Geschlechterordnung und der Heteronormativität in Frage stellt, untersuche ich mit „Queer Fonts“, ob die grundlegenden Konventionen der Schriftgestaltung in Frage gestellt und auf produktive Weise neu konzipiert werden können. Welche Möglichkeitsräume öffnen sich, wenn wir bei der Gestaltung von Schriften nicht von der vermeintlichen Notwendigkeit der Klarheit oder der Erkennbarkeit ausgehen, sondern wenn unser Ziel stattdessen darin besteht, die Grenzen auszutesten und zu überschreiten?
Jenny Fawson ist Folkwang-Absolventin. Sie hat 2018-2022 Kommunikationsdesign studiert und interessiert sich u.a. für Schriftgestaltung, Zeichnen und Grafikdesign und setzt sich mit Themen wie Körper, Selbst und Gesellschaft auseinander.

Katharina Müller (Filmmuseum Wien): Geheime Öffentlichkeiten: Zum Kuratieren audiovisueller Spuren der LGBTIQ+-Selbstdokumentation

Queere Geschichte als subkulturelle Geschichte ist immer auch eine Geschichte von Räumen, seien sie lokal oder virtuell, in denen etwas lebbar wird. In Österreich steht sie historisch im Kontext einer der zählebigsten und virulentesten homophoben Strafgesetzgebungen in (West-)Europa. In diesem Beitrag nimmt die Referentin die audiovisuelle ephemere Selbstdokumentation der LGBTIQ+-Community in und mit Verbindungslinien nach Österreich in den Blick. Betrachtungsgegenstände sind – entlang der Sammlung ‚Regenbogenfilme‘ (Arbeitstitel) des Österreichischen Filmmuseums – weitgehend nicht-kommerzielle Filme und Videos sowie solche, die außerhalb künstlerischer Verwertungszusammenhänge entstanden sind: Home Movies, Bewegungsfilme, Kampagnenvideos, Coming-Out-Filme, Klubfilme u.v.m.

Katharina Müller ist Leiterin der Abteilung Forschung, Vermittlung und Publikationen im Österreichischen Filmmuseum. Sie promovierte an der Universität Wien mit einer Arbeit zu Akteur-Netzwerk-Theorie und „nationalem“ Kino (Haneke: Keine Biografie, Bielefeld 2014). Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit war sie an verschiedenen künstlerisch-kuratorischen Projekten und Filmfestivals beteiligt. Gemeinsam mit Claus Philipp arbeitet sie derzeit an einer künstlerischen Anthologie (Picturing Austrian Cinema, Leipzig 2022).

Yours in Sisterhood (Irene Lusztig 2018)

„Middletown, Connecticut: Ein junges Mädchen liest ein Gedicht vor. Etwas unsicher, holprig – es ist nicht ihr Text, sondern ein Teil eines Leserbriefes, den ein gleichaltriges Mädchen aus Middletown 1974 an das Ms. Magazine geschickt hat. Auf die Frage hin, ob sie mit dem Brief etwas anfangen könne, strafft sich ihre Körperhaltung: ‚Sowas zu lesen öffnet einem die Augen, weil einem dann klar wird, dass es eigentlich immer noch so ist‘. Als eine von 306 Frauen, die Irene Lusztig zwischen 2015 und 2017 beim Lesen und Kommentieren von Leserbriefen aus dem Archiv der ersten liberal-feministischen Zeitschrift Ms. gefilmt hat, fasst die Dreizehnjährige zusammen, was Quintessenz der dokumentarischen Inszenierung ist: Der Blick ins Archiv führt in die Gegenwart“. (Quelle: Frauenfilmfest 2019, https://frauenfilmfest.com/movie/yours-in-sisterhood/).

Irene Lusztig Die Filmemacherin, bildende Künstlerin und Archivforscherin nutzt für ihre Film- und Videoarbeiten oftmals Archivmaterial, um vergessene und negierte Geschichte(n) sichtbar zu machen und über persönliche und kollektive Erinnerung zu reflektieren. Ihre Arbeiten wurden u. a. auf der Berlinale, im MoMa und auf dem IDFA Amsterdam gezeigt.